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Coalition for Action
“Copyright for Education and Research”

Aktionsbündnis „Urheberrecht für Bildung und Wissenschaft“

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Pressemitteilung 05/07
vom 10. Mai 2007

Open Access ist keine Einschränkung von Kreativität - ganz im Gegenteil. Aktionsbündnis fordert den Bundesrat auf, bei seiner Politik zur Unterstützung des freien Zugriffs auf wissenschaftliche Forschungsergebnisse zu bleiben.

Kurzfassung

Das Aktionsbündnis fordert die Politik auf, weiterhin die wissenschaftliche Informationsversorgung als öffentliche Aufgabe anzusehen. Genau dies haben Ende April einige Ausschüsse des Bundesrats (Europa, Wirtschaft, Recht) in ihrer Kritik am offensiven Eintreten der EU-Kommission für offene Publikationsformen in der Wissenschaft in Frage gestellt. Sie sehen die Informationsversorgung am besten bei der Verlagswirtschaft aufgehoben und erheben einige Bedenken gegen das auch von den großen Wissenschaftsorganisationen vertretene und beförderte Open-Access-Prinzip in der Wissenschaft.

Entsprechend Open Access soll die Nutzung wissenschaftlichen Wissens für alle frei/kostenlos sein. Die  Verwertung dieses Wissens darf, so die Forderung des Aktionsbündnis, nicht primär und vor allem nicht gänzlich in die privaten Hände der Informationswirtschaft gelegt werden. Open Access steht keineswegs, wie einige Ausschüsse des Bundesrats annehmen, ,,in einem Spannungsfeld mit dem Schutz des Geistigen Eigentums (insbesondere des Urheberrechts)". Open Access enteignet keinesfalls die Urheber, im Einklang mit dem Urheberrecht bleiben alle Persönlichkeitsrechte gewahrt. Nur die Übertragung der Rechte an die private Verwertung soll, so ja auch die Empfehlung des Bundesrats vom Mai 2006, eingeschränkt sein.

Das Aktionsbündnis begrüßt, dass sich der Bundesrat am 11.5.2007 erneut mit Open Access beschäftigen will. Wir halten jedoch die dort vorgebrachten Annahmen, dass wissenschaftliche Kreativität und Motivation auch in der Wissenschaft von der materiellen Entlohnung abhänge und dass die Qualitätssicherung überwiegend von den Verlagen wahrgenommen werde, für falsch Wissenschaftler sind am Impact, also am Aufgreifen ihrer Ergebnisse, interessiert. Sie bekommen in der Regel ohnehin keine Honorare vor allem für die in der Wissenschaft entscheidenden Zeitschriftenartikel.

Open Access ist nicht zum Nulltarif zu haben. Jedoch sind die jetzigen Aufwendungen, die vor allem für die internationalen Zeitschriftenverlage erbracht werden müssen, von den Ländern nicht mehr zu tragen. Zudem ist offensichtlich, dass der volkswirtschaftliche Nutzen bei freier Nutzung wissenschaftlichen Wissens in jedem Fall weitaus höher ist als die Kosten, die die Öffentlichkeit für Open-Access-Produkte zu erbringen hat. Die deutsche Verlagswirtschaft profitiert von den sehr großen Gewinnen der internationalen Zeitschriftenverlage kaum.

Das Aktionsbündnis sieht im übrigen keinen notwendigen Gegensatz zwischen Open Access und der wirtschaftlichen Betätigung Privater, da sich die Wirtschaft mit ihrer großen Publikationserfahrung in die Open-Access-Dienstleistungen mit Aussichten auf Gewinn wird einbringen können. Gerade hier sollte die deutsche Verlagswirtschaft investieren, so dass zukunftsträchtige Arbeitsplätze entstehen würden. Deutschland soll durch Einschränkungen beim Open-Access-Prinzip nicht im internationalen Forschungswettbewerb behindert werden. Im Gegenteil: Deutschland könnte Vorreiter einer Open-Access-Wirtschaft werden.

Ausführung

Das Aktionsbündnis ,,Urheberrecht für Bildung und Wissenschaft" setzt sich weiter für ein bildungs- und wissenschaftsfreundliches Urheberrecht ein. Zu diesem Ziel führen viele Wege. Der alleinige Verweis auf das kommerzielle Informationsangebot über mit öffentlichen Mitteln erzeugtes Wissen ist sicherlich kein gangbarer Weg. Dies sollte auch bei der jetzt anstehenden Urheberrechts-Novellierung bedacht werden. Im aktuellen Gesetzesentwurf ist nämlich vorgesehen an, dass der Verlagswirtschaft bei der Bereitstellung elektronischer Dokumente quasi ein Monopolrecht gegenüber den Bibliotheken zugestanden wird.

Dadurch kommen auf Studierende und Wissenschaftler erhebliche Informationskosten zu. Diese Kosten werden in irgendeiner Form wieder von der öffentlichen Hand getragen werden müssen. Denn die Informationsversorgung ist integraler Bestandteil eines funktionierenden öffentlichen Bildungs- und Wissenschaftssystems.

Nicht zuletzt deshalb hatte der Bundesrat im Mai 2006 einige Änderungen in der Urheberrechtsvorlage der Bundesregierung empfohlen, durch die die exklusiven Verwertungsrechte der Verlage an wissenschaftlichen Publikationen eingeschränkt werden sollen und durch die der Weg in Richtung offener, freier, aus der Wissenschaft selbst bestimmter Publikationsformen (Open Access) erleichtert werden könnte. Das Aktionsbündnis hatte den Bundesrat darin unterstützt (vgl. http://www.urheberrechtsbuendnis.de/pressemitteilung0107.html).

Die eigentliche Bedrohung scheint für die traditionelle Verlagswirtschaft allerdings weniger die Politik als die immer mehr Terrain gewinnenden Open-Access-Bewegung zu sein. Open Access bedeutet ja, dass über spezielle Open-Access-Zeitschriften oder über z.B. von den Bibliotheken zu betreibende Open-Access-Repositories die Ergebnisse der Wissenschaft in die freie (auch im Sinne von kostenlos) Verfügung der Nutzer gestellt werden. Dadurch werden auch gewisse Verwertungsansprüche der Urheber zurückgenommen: Man darf auf die Materialien nicht nur kostenlos zugreifen, sondern sie auch kopieren, sie anderen weitergeben, z.B. in Seminaren und Forschungsgruppen. Man darf an ihnen sogar weiterarbeiten. Allerdings ist die Referenzierung, also Anerkennung der Autorschaft, immer Pflicht. Die für die Wissenschaft unverzichtbaren und im Urheberrecht unverrückbaren und nicht übertragbaren Persönlichkeitsrechte (moral rights) bleiben bei Open Access gänzlich gesichert und geschützt.

Die Dynamik der Open-Access-Bewegung ist nicht mehr aufzuhalten. Sie zeigt sich darin, dass alle großen Wissenschaftsorganisationen (DFG, Wissenschaftsrat, Max Planck, Helmholtz, Fraunhofer, Hochschulrektorenkonferenz) sich eindeutig der Beförderung des Open-Access-Prinzips verpflichtet haben. Weltweit gibt es derzeit bereits (Datum 10.5.07) 2673 Open-Access-Zeitschriften. Trotzdem wird der Zeitschriftenmarkt weiter weltweit von wenigen Großakteuren wie Elsevier, Thompson, Wiley oder dem jetzt internationalen Springer Science+Business Media Konzern dominiert. In der aus der Wissenschaft selbst kommenden Dynamik sieht die traditionelle Verlagswirtschaft eine Bedrohung für ihren Markt und setzt ihre gegen Open Access gerichtete Lobbyarbeit fort.

Das Aktionsbündnis findet es bedenklich, dass sich in der Politik zunehmend die Stimmen mehren, dass Kreativität in der Wissenschaft sich eher an den Interessen der so genannten Copyright-Industrien zu orientieren habe als an den Interessen der kreativen Wissenschaftler selber. Das wird auch deutlich in einer Empfehlung von Ausschüssen des Bundesrats (Europa, Wirtschaft und Recht) an den Bundesrat vom 30.4.2007, der darüber am 11.5.2007 beraten wird.

Diese Ausschüsse haben sich mit einer ,,Mitteilung der Kommission der Europäischen Gemeinschaften an das Europäische Parlament, den Rat und den Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss über wissenschaftliche Informationen im Digitalzeitalter" auseinander gesetzt. Die Bundesratsausschüsse haben im Prinzip der Forderung der EU-Kommission nach einem ,,möglichst freien, sofortigen und offenen Zugang zu Informationen", auch als Bedingung für die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft, zugestimmt. Aber, anders als im Mai 2006 der Kultur- und Wissenschaftsausschuss des Bundesrates, bezweifeln nun die Ausschüsse, ob überhaupt die wissenschaftliche Informationsversorgung eine öffentliche Aufgabe sein soll. Der Staat dürfe nicht durch die Förderung von Open-Access-Projekten in den Markt verzerrend intervenieren, weil damit urheberrechtlich geschützte Verwertungsrechte beschädigt würden.

Die Politik sollte jedoch nicht auf Scheinargumente der Verlagswirtschaft eingehen. Sie behauptet z.B., wissenschaftliche Qualität werde vor allem durch die Selektion der Verlage gesichert. Dies ist nicht richtig. Qualitätssicherung betreibt die Wissenschaft selber a) durch ihr erfolgreiches Peer-Review-Verfahren, also durch die Begutachtung durch Wissenschaftler selber; b) durch die Rezeption der Arbeiten, z.B. über Zitieren, durch Wissenschaftler. Die Wissenschaft ist sich einig, dass Open-Access-Zeitschriften selbstverständlich dem gleichen Peer-Review-Verfahren unterliegen müssen. Dass Open-Access-Zeitschriften einen höheren Impact-Faktor haben als kommerzielle Zeitschriften, dass also Artikel in diesen Zeitschriften eine höhere Rezeptions- und Zitierwahrscheinlichkeit haben, ist in zahlreichen empirischen Studien belegt.

Ein weiteres Argument der Verlagswirtschaft lautet: Kreativität sei nur gewährleistet, wenn nicht nur der ideelle, sondern auch der materielle Zugewinn für die Autoren gesichert ist. Auch dies ist nicht richtig. Zum einen bekommt ohnehin so gut wie kein Autor für seine Publikation in einer wissenschaftlichen Zeitschrift oder einem Sammelband ein Honorar (wenige vielleicht für Lehrbücher). Zum andern ist, wie erwähnt, der Anreiz für Kreativität in erster Linie Reputation, Anerkennung,. Diese wird durch den Impact-Faktor quantifizierbar gemacht, der eher durch die freie Zugänglichkeit als durch Verknappung erreicht wird.

Die Kosten für die öffentliche Hand, die unserer Ansicht nach weiterhin für die wissenschaftliche Informationsversorgung zuständig ist, werden voraussichtlich durch die flächendeckende Etablierung von Open Access nicht sinken. Wir plädieren jedoch dafür, die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung aufzumachen, wie es die EU getan hat. Es ist offensichtlich, dass bei einer freien Nutzung der volkswirtschaftliche Gewinn höher ausfallen wird als bei einer über Gebühren und Kontrollmechanismen verknappten Nutzung. Zudem profitiert die deutsche Verlagswirtschaft kaum von den sehr großen Gewinnen der internationalen Zeitschriftenverlage.

Das Aktionsbündnis appelliert an die Ministerpräsidenten der Länder, bei ihrer anstehenden Sitzung vom 11.5.2007 bei ihrem ursprünglichen Votum zu bleiben und Open Access, auch über Regelungen im Urheberrecht, als eine ernsthafte, ökonomisch sinnvolle und die Autonomie der Wissenschaft sichernde Alternative zur kommerziellen Verwertung anzuerkennen. Sie würden sich damit im Gleichklang mit den großen Wissenschaftsorganisationen weiter für ein bildungs- und wissenschaftsfreundliches Urheberrecht einsetzen.

Das Aktionsbündnis sieht im übrigen keinen notwendigen Gegensatz zwischen Open Access und der wirtschaftlichen Betätigung Privater, da sich die Wirtschaft mit ihrer großen Publikationserfahrung in die Open-Access-Dienstleistungen mit Aussichten auf Gewinn wird einbringen können. Gerade hier sollte die deutsche Verlagswirtschaft investieren, so dass zukunftsträchtige Arbeitsplätze entstehen würden. Deutschland soll durch Einschränkungen beim Open-Access-Prinzip nicht im internationalen Forschungswettbewerb behindert werden. Im Gegenteil: Deutschland könnte Vorreiter einer Open-Access-Wirtschaft werden.

Rainer Kuhlen
Sprecher des Aktionsbündnis ,,Urheberrecht für Bildung und Wissenschaft"


Das Aktionsbündnis ,,Urheberrecht für Bildung und Wissenschaft" (http://www.urheberrechtsbuendnis.de/) wurde 2004 im Zusammenhang mit der Novellierung der Urheberrechtsgesetzgebung in Deutschland gegründet. Das Aktionsbündnis setzt sich für ein ausgewogenes Urheberrecht ein und fordert für alle, die zum Zweck von Bildung und Wissenschaft im öffentlichen Raum tätig sind, den freien Zugang zur weltweiten Information zu jeder Zeit von jedem Ort. Grundlage des Aktionsbündnisses ist die Göttinger Erklärung zum Urheberrecht für Bildung und Wissenschaft vom 5. Juli 2004. Diese Erklärung wurde unterzeichnet von sechs Mitgliedern der Allianz der Wissenschaftsorganisationen (Fraunhofer-Gesellschaft zur Förderung der angewandten Forschung e.V., Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren e.V., Hochschulrektorenkonferenz, Max-Planck-Gesellschaft, Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz e.V. und Wissenschaftsrat), von über 320 wissenschaftlichen Fachgesellschaften, Informationseinrichtungen und Verbänden sowie von mehr als 5.600 Einzelpersönlichkeiten. Sprecher des Aktionsbündnis sind Prof. Kuhlen (Konstanz), Prof. Beger (Hamburg), Dr. Degkwitz (Cottbus). Weitere Informationen über Nachfrage an: rainer.kuhlen at uni-konstanz.de, beger at sub.uni-hamburg.de und degkwitz at tu-cottbus.de


Impressum
Prof. Dr. Rainer Kuhlen 
c/o Universität Konstanz
Postfach D-87
D-78457 Konstanz
Tel +49-(0) 7531-88-2879   Fax +49-(0) 7531-88-2048
rainer.kuhlen at uni-konstanz.de  www.urheberrechtsbuendnis.de

November 10 – 11, 2016Physikalisch Technische Bundesanstalt in Berlin Charlottenburg
Annual Meeting of the Coalition in Berlin
Program and Registration

News  
September 27th 2016

The proposal of the European Commission from September 14, 2016 for a new Copyright Directive is of no help to a science-friendly copyright.
(Press Release).

October 15 and 16, 2015

During our Annual Meeting in Berlin, the latest developments in European and in Germany Copyright law were discussed. A new steering group of the Coalition was elected.
The Annual Meeting in 2016 is scheduled to be in Berlin on November 10 and 11, 2016.
A Summary of the Presentations and Discussion is available.

September 18th 2015 publication publication publication
Folders on published.
June 17th 2015

The Legal Affairs Committee of the European Parliament has in its meeting on June 16, 2015 voted on the so-called “Reda Report” about the evaluation of a European copyright. It was agreed, among others, the estimation of the author, that „…libraries make an indispensable contribution to knowledge distribution and are intended to be authorized inter alia to the right of borrowing information in its digital format…“ In parallel, Reda stresses that authors should be granted an appropriate reward for this digital lending. (more)


May 8th 2015

The requirement to set up a comprehensive exception to the rights of education and science in copyright law, initiated by the Coalition for Action and by ENCES, is now arrived at the vice president, Digital Single Market of the EU Commission, Andrus Ansip, through a letter of C4C. (letter)


May 6th2015

Today the EU presented its vision for ‚A Digital Single Market Strategy for Europe‘. Section 2.4. touches upon copyright issues for education and science, specifically on text and data mining. Our Coalition will follow the ongoing debate about the EU copyright reform and will promote the need for a comprehensive exception in favour of education and science. (more)


older news is available from our archive
Publications
publicati
on Folder on our Current Demands
Version: August 2015

publicati
on Folder on a Comprehensive Copyright Clause in Support of Education and Science
Version: August 2015

publicati
on Folder on the Right for a Second Publication for Scientific Articles
Version: July 2015

publication Information als Vitamin für Innovation: Schanken oder Lizenzen für Forschung und Lehre?
Compilation for the annual meeting on October 10, 2013

publication Breite Unterstützung für eine umfassende Verbesserung des Urheberrechts für Bildung und Wissenschaft
Evaluation of a survey and policy implications, September / October 2011

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